Eine Vision für Getreidebauern - Teil 2
Drei Praxis-Beispiele
Teil 1 startete mit einer nüchternen Bestandsaufnahme des engmaschigen landwirtschaftlichen Rahmens mit hohen Kosten und niedrigen Erzeugerpreisen.
In diesem Teil werden Praxis-Beispiele hinsichtlich Wertschöpfung beleuchtet. Schnell-Leser können einfach weiterlesen. Wer es genau wissen möchte, kann mittels Klick zur Stärken-Schwächen-Analyse weiter unten springen:
Ein Getreidebauer kann sein Einkommen durch Beteiligung an der Wertschöpfung steigern. Die Verhandlungsposition rund um Einkauf und Erzeugung sind ausgeschöpft. Der Gewinn je umgesetzten Euro (= Wertschöpfung) ist bei Unternehmen, die an Landwirte verkaufen oder von ihnen kaufen wesentlich höher als beim Landwirt selbst:
Maschinen
Pflanzenschutz
Düngemittel
Saatgut
Software
weiterverarbeitende Industrie
Deshalb ist die Ausweitung der Wertschöpfungsquellen über die Verhandlungsposition bloßer Einkaufs- und Verkaufspreise hinaus, in Richtung Unternehmensbeteiligung, zweckmäßig. Unternehmensbeteiligungen eröffnen somit neue Wertschöpfungsmöglichkeiten. Hinzu kommt, dass eine Beteiligung an einem Unternehmen, zusätzlich zu Gewinnrechten, auch mit Eigentum-, Mitbestimmungs- und Auskunftsrechten verbunden sind.
Eine Beteiligung an der Wertschöpfung bedingt den Erwerb von Eigentumsanteilen, um so über die Gewinnausschüttung an der Wertschöpfung zu partizipieren. Sinnvollerweise ein Anteil von 10%+, um Auskunfts- und wirksame Mitbestimmungsrechte ausüben zu können, idealerweise 25%+, um strategisch mitsteuern zu können.
Wie das Gehen kann und wie Skalierung als Mittel zur Wertschöpfung dienen kann, wird im Winter in Teil 3 weiter beleuchtet.
Die Stärke der Weinviertler Erdäpfel-Bauern ist …
der organisierte Direktvertrieb in den Lebensmitteleinzelhandel, wo gute Wertschöpfung durch Ausschaltung des Zwischenhandels erzielt wird. Die Schwächen der Kartoffel-Bauern sind, (1.) dass sie über kein eigenes Vertriebsnetz mit z.B. 2.500 Filialen in Österreich verfügen, um optimale Wertschöpfung zu erzielen, und (2.) zur Beteiligung an der Wertschöpfung der weiterverarbeitenden Industrie fehlt es an jedweder Grundlage – zu zersplittert und lose Organisation, um Beteiligungskapital anzuhäufen. Nach oben.
Die Stärken der Marchfelder Gemüse-Bauern sind …
Fläche und Beteiligung an der Wertschöpfung vom überwiegend industriell weiterverarbeiteten Gemüse, besonders zu Tiefkühlgemüse. Die durchschnittlich bewirtschaftete Fläche pro Gemüsebauer liegt über dem AT-Durchschnitt, was kostenseitigen Spielraum verschafft. Ihre Schwächen sind, (1.) dass die Industriebeteiligungsstruktur auf Österreich beschränkt blieb, dadurch im europäischen und globalen Wettbewerb im Hintertreffen sind, und (2.) dass an den Lebensmittelgroß- und einzelhandel überwiegend über den Großmarkt Inzersdorf angedockt wird. Die wenigen Testimonial-Landwirte des Lebensmittel-Einzelhandels, ausgenommen. Nach oben.
Die Stärken von bestimmten Erzeugergemeinschaften können sein …
eigene Lagerkapazität und der mittelbar gebündelte Humus-CO2-Speicher. Jedes für sich ein gutes Argument bei Verhandlungen. Lediglich Mittel zum Zweck sind Vertragslandwirtschaft, um von Landwirten Ressourcen zu bündeln, und IFS-Zertifizierung, um von Abnehmern als Lieferant gelistet werden zu können – was noch nicht bedeutet, gelistet zu werden bzw. gelistet zu bleiben. Die Schwächen von Erzeugergemeinschaften sind (1.) der nicht gelöste Kostendruck auf Ebene der einzelnen landwirtschaftlichen Mitglieder, und (2.) ein für gewöhnlich nicht auf Gewinn gerichteter Geschäftszweck verunmöglicht per Statut das Kumulieren von Beteiligungskapital durch Gewinnrücklagen, um an der industriellen Wertschöpfungskette teilzuhaben. Nach oben.